WIG oder MAG schweißen — welches Verfahren passt zu Ihrem Bauteil?
WIG-Schweißen (Prozess 141) arbeitet mit einer nicht abschmelzenden Wolframelektrode und Argon als Schutzgas. Es liefert die höchste Nahtqualität, ist aber langsam und eignet sich für Materialstärken ab etwa 0,5 mm. MAG-Schweißen (Prozess 135) nutzt eine abschmelzende Drahtelektrode und aktives Mischgas. Es ist deutlich schneller und wirtschaftlicher bei Stahl ab etwa 2 mm.
WIG und MAG im Verfahrensvergleich
Beide Verfahren sind Schutzgas-Lichtbogenschweißverfahren: Ein Lichtbogen schmilzt den Werkstoff, ein Schutzgas hält Sauerstoff und Stickstoff der Umgebungsluft vom Schmelzbad fern. Der Unterschied liegt in der Elektrode.
Beim WIG-Schweißen (Wolfram-Inertgas, nach DIN EN ISO 4063 Prozess 141, international TIG oder GTAW) brennt der Lichtbogen zwischen einer nicht abschmelzenden Wolframelektrode und dem Werkstück. Der Zusatzwerkstoff wird getrennt als Stab von Hand zugeführt. Damit sind Energieeintrag und Materialzugabe voneinander entkoppelt — der Schweißer bestimmt beides unabhängig. Das ist der Grund für die hohe Prozesskontrolle und zugleich für die geringe Geschwindigkeit.
Beim MAG-Schweißen (Metall-Aktivgas, Prozess 135) ist der Draht selbst die Elektrode. Er wird kontinuierlich nachgefördert und schmilzt ab. Energieeintrag und Materialzugabe sind gekoppelt: Mehr Draht bedeutet mehr Strom. Der Prozess läuft dadurch schneller und mit deutlich höherer Abschmelzleistung, aber mit weniger Feinsteuerung.
Der Zusatz „aktiv“ bezieht sich auf das Schutzgas. MAG arbeitet mit kohlendioxidhaltigen Mischgasen, die chemisch in den Prozess eingreifen und den Einbrand vertiefen. Das inerte Gegenstück heißt MIG (Metall-Inertgas, Prozess 131) und wird mit reinem Argon vor allem für Aluminium eingesetzt.
| Merkmal | WIG (141) | MAG (135) |
|---|---|---|
| Elektrode | Wolfram, nicht abschmelzend | Draht, abschmelzend |
| Zusatzwerkstoff | separat von Hand zugeführt | identisch mit Elektrode |
| Schutzgas | Argon (I1), Ar/He (I3) | Ar/CO₂-Mischgas (M21), CO₂ (C1) |
| Abschmelzleistung (Richtwert) | ca. 0,5–1,5 kg/h | ca. 2–6 kg/h |
| Sinnvolle Materialstärke | ab ca. 0,5 mm | ab ca. 1,5 mm |
| Wirtschaftlicher Hauptbereich | 0,5–6 mm | 2–15 mm und darüber |
| Spritzer | praktisch keine | vorhanden, Nacharbeit möglich |
| Nahtbild | gleichmäßig, feinschuppig | gröber, prozessabhängig |
| Anforderung an den Schweißer | hoch | mittel |
| Zwangslagen | sehr gut beherrschbar | eingeschränkt, prozessabhängig |
Welches Verfahren zu welchem Werkstoff passt
Die Werkstoffwahl schränkt die Verfahrenswahl stärker ein, als vielen Konstrukteuren bewusst ist.
Unlegierter und niedriglegierter Stahl ist die klassische MAG-Domäne. Übliches Schutzgas ist M21 (Argon mit 15 bis 25 % CO₂, in der Praxis meist 82/18). Für Sichtnähte an dünnem Stahlblech oder für Bauteile mit hohen optischen Anforderungen bleibt WIG die bessere Wahl.
Edelstahl lässt sich mit beiden Verfahren fügen. WIG ist Standard bei dünnen Wandstärken, Rohrleitungen und überall dort, wo die Korrosionsbeständigkeit ohne Abstriche erhalten bleiben muss. Wird MAG eingesetzt, kommt ein sauerstoffarmes Mischgas vom Typ M12 (Argon mit etwa 2,5 % CO₂) zum Einsatz — höhere CO₂-Anteile würden den Chromgehalt an der Nahtoberfläche zu stark beeinflussen. Wichtig in beiden Fällen: Die beim Schweißen entstehenden Anlauffarben sind chromverarmte Oxidschichten. Sie sehen nicht nur unschön aus, sondern setzen die Korrosionsbeständigkeit an dieser Stelle herab und müssen durch Beizen, Passivieren oder mechanisches Bearbeiten entfernt werden, wenn das Bauteil korrosiv beansprucht wird. Beim Schweißen von Edelstahlrohren gehört zusätzlich das Formieren (Wurzelschutz mit Argon oder Formiergas) zum Standard.
Aluminium ist ein Sonderfall. Die Oxidschicht (Al₂O₃) schmilzt erst bei rund 2.050 °C, das Grundmaterial bereits bei etwa 660 °C. Ohne Aufbrechen dieser Schicht entsteht keine tragfähige Verbindung. WIG löst das über Wechselstrom: Die positive Halbwelle räumt die Oxidschicht auf. MAG mit CO₂-haltigem Gas ist für Aluminium nicht geeignet — hier wird MIG mit reinem Argon eingesetzt.
| Werkstoff | Stärke bis ca. 3 mm | Stärke 3–8 mm | Stärke über 8 mm |
|---|---|---|---|
| Unlegierter Stahl (S235, S355) | WIG bei Sichtnaht, sonst MAG | MAG | MAG, mehrlagig |
| Edelstahl (1.4301, 1.4404, 1.4571) | WIG | WIG oder MAG (M12) | MAG (M12), mehrlagig |
| Aluminium (EN AW-5754, 6082) | WIG (Wechselstrom) | WIG (Wechselstrom) oder MIG | MIG |
| Kupfer / Messing | WIG mit Vorwärmung | WIG mit Vorwärmung | Sonderverfahren |
Nahtqualität, Nacharbeit und sichtbare Konstruktionen
Bei der Verfahrenswahl wird oft nur die Schweißzeit betrachtet. Die Nacharbeit entscheidet aber häufig über die Gesamtkosten.
Eine WIG-Naht entsteht spritzerfrei. Das Nahtbild ist regelmäßig und feinschuppig, das Porenrisiko bei sauberer Vorbereitung gering. Bei Sichtkonstruktionen — Geländern, Ladenbauelementen, Rohrmöbeln, Anlagen im Lebensmittel- und Pharmabereich — ist eine WIG-Naht oft ohne weitere Bearbeitung abnahmefähig oder braucht lediglich ein Nachbürsten. Wo Nähte verschliffen und poliert werden müssen, spart WIG erheblich Schleifzeit, weil weniger Material abzutragen ist.
Eine MAG-Naht erzeugt Spritzer, deren Menge stark vom Lichtbogenprozess abhängt. Kurzlichtbogen und geregelte Kurzlichtbogenvarianten spritzen wenig, Sprühlichtbogen bei hoher Leistung deutlich mehr. Spritzer müssen bei sichtbaren oder zu beschichtenden Bauteilen entfernt werden. Bei einer verdeckten Tragkonstruktion spielt das keine Rolle; bei einem Bauteil, das anschließend pulverbeschichtet wird, sehr wohl — Spritzer zeichnen sich unter der Beschichtung ab.
Die Nahtgüte selbst wird nicht am Verfahren, sondern am Ergebnis bemessen. Maßgeblich ist DIN EN ISO 5817 für Schmelzschweißverbindungen an Stahl, Nickel und Titan (für Aluminium gilt DIN EN ISO 10042). Die Norm definiert drei Bewertungsgruppen:
| Bewertungsgruppe | Anforderung | Typische Anwendung |
|---|---|---|
| B | hoch | dynamisch belastete Bauteile, sicherheitsrelevante Konstruktionen |
| C | mittel | üblicher Maschinen- und Anlagenbau |
| D | niedrig | untergeordnete, statisch gering belastete Bauteile |
Beide Verfahren können jede dieser Gruppen erreichen. Der Unterschied liegt im Aufwand: Bewertungsgruppe B ist mit WIG bei dünnwandigen Bauteilen mit weniger Nacharbeit erreichbar, mit MAG bei dickwandigen Konstruktionen wirtschaftlicher. Wer die Bewertungsgruppe in der Zeichnung angibt, bekommt ein belastbares Angebot; wer sie weglässt, bekommt eine Annahme.
Geschwindigkeit, Abschmelzleistung und Kosten
Die Kosten einer Schweißnaht bestehen im Wesentlichen aus Lichtbogenzeit, Nebenzeit und Nacharbeit. Material und Gas sind demgegenüber nachrangig.
Die Abschmelzleistung ist die belastbarste Vergleichsgröße. Manuelles WIG-Schweißen liegt in der Größenordnung von 0,5 bis 1,5 kg Schweißgut pro Stunde, MAG mit Massivdraht bei etwa 2 bis 6 kg pro Stunde. Für dieselbe Nahtmenge braucht MAG also grob ein Drittel bis ein Fünftel der Lichtbogenzeit. Bei einer langen Kehlnaht an 8 mm Stahl ist dieser Unterschied kaufmännisch entscheidend; bei einer 20 mm langen Naht an 1,5 mm Edelstahl ist er irrelevant, weil die Nebenzeiten überwiegen.
Zur Nebenzeit zählen Rüsten, Heften, Positionieren, Drehen des Bauteils, Elektroden- und Düsenwechsel. Bei kleinen Baugruppen macht sie den größten Teil der Fertigungszeit aus. Deshalb gilt: Je kleiner und komplexer das Bauteil, desto geringer der Kostenvorteil von MAG.
Die dritte Position ist die Nacharbeit — Spritzer entfernen, Nähte verschleifen, Anlauffarben beizen, Verzug richten. Sie wird beim Vergleich regelmäßig vergessen und kann den Zeitvorteil von MAG bei anspruchsvollen Oberflächen vollständig aufzehren.
| Kostenposition | WIG | MAG |
|---|---|---|
| Lichtbogenzeit je Meter Naht | hoch | niedrig |
| Rüst- und Nebenzeit | vergleichbar | vergleichbar |
| Spritzer entfernen | entfällt | je nach Prozess erforderlich |
| Nahtverputzen bei Sichtnaht | gering | höher |
| Beizen bei Edelstahl | erforderlich | erforderlich |
| Verzug richten | bei Dünnblech gering | bei Dünnblech höher |
| Anforderung an Qualifikation | hoch | mittel |
Eine praktische Konsequenz für die Konstruktion: Reduzieren Sie das Nahtvolumen, nicht die Nahtzahl. Eine durchgehende Kehlnaht mit a = 5 mm enthält mehr als das Doppelte des Schweißguts einer Naht mit a = 3,5 mm. Wenn die Statik es zulässt, ist die kleinere Naht die günstigere — und die verzugsärmere.
Verzug, Wärmeeinbringung und Nahtvorbereitung
Verzug entsteht, weil das Schweißgut beim Erstarren schrumpft und die umgebende Konstruktion diese Schrumpfung behindert. Steuergröße ist die Streckenenergie, also die je Millimeter Naht eingebrachte Energie. Sie steigt mit Strom und Spannung und sinkt mit der Schweißgeschwindigkeit.
Daraus ergibt sich ein scheinbarer Widerspruch, der in der Praxis oft für Verwirrung sorgt: WIG arbeitet mit geringerem Strom, aber auch langsamer. Bei dünnem Blech überwiegt der Vorteil des präzise dosierbaren, niedrigen Wärmeeintrags — WIG verzieht weniger. Bei dickerem Material überwiegt der Vorteil der Geschwindigkeit: MAG bringt die Wärme schneller ein und wieder aus dem Bauteil heraus, sodass insgesamt weniger Wärme in die Konstruktion fließt.
Bewährte Maßnahmen gegen Verzug, unabhängig vom Verfahren:
- Symmetrisch schweißen, also abwechselnd auf gegenüberliegenden Seiten.
- Pilgerschrittverfahren statt durchgehender Naht bei langen Verbindungen.
- Ausreichend heften, bevor durchgeschweißt wird.
- Nahtquerschnitt reduzieren — jede nicht geschweißte Lage verzieht auch nicht.
- Schweißfolge festlegen und über die Serie beibehalten.
- Bei empfindlichen Baugruppen: Fertigmaße nach dem Schweißen herstellen.
Die Nahtvorbereitung richtet sich nach DIN EN ISO 9692-1. Sie ist keine Formalie: Eine falsch gewählte Fugenform bedeutet entweder unzureichenden Einbrand oder unnötig viel Schweißgut.
| Materialstärke (Stumpfstoß) | Fugenform | Öffnungswinkel | Hinweis |
|---|---|---|---|
| bis ca. 3 mm | I-Naht (ohne Fase) | — | Spalt 0–2 mm je nach Verfahren |
| ca. 3–10 mm | V-Naht | ca. 60° | einseitig zugänglich |
| ab ca. 10 mm | DV-Naht (X-Naht) | ca. 60° | beidseitig zugänglich, weniger Verzug |
| T-Stoß, allgemein | Kehlnaht | — | Nahtdicke a ≈ 0,7 × dünnere Blechdicke |
Für Kehlnähte gilt als Faustregel: Die rechnerische Nahtdicke a sollte etwa das 0,7-fache der dünneren zu verbindenden Blechdicke betragen. Ein größeres a bringt selten Festigkeit, aber sicher mehr Wärme, mehr Verzug und mehr Kosten.
Typische Einsatzfälle
| Bauteil / Anwendung | Empfohlenes Verfahren | Begründung |
|---|---|---|
| Edelstahlrohr, Sichtnaht, Geländer | WIG | spritzerfrei, gleichmäßiges Nahtbild, wenig Nachschliff |
| Stahlrahmen, verdeckte Konstruktion, 6–10 mm | MAG | hohe Abschmelzleistung, Nahtbild nachrangig |
| Dünnblechgehäuse 1–2 mm Edelstahl | WIG | geringer Wärmeeintrag, weniger Verzug |
| Anhänger- und Fahrzeugbau, Stahl 4–10 mm | MAG | Nahtlänge und Wirtschaftlichkeit dominieren |
| Aluminiumbaugruppe bis 6 mm | WIG (Wechselstrom) | Oxidschicht wird durch AC aufgebrochen |
| Behälter und Rohrleitungen, dicht schweißen | WIG (Wurzel), ggf. MAG (Fülllagen) | dichte, porenarme Wurzel entscheidend |
| Reparatur und Nachschweißen kleiner Bereiche | WIG | präzise Steuerung, kein Materialüberschuss |
| Lange Kehlnähte im Stahlbau | MAG | Kosten je Meter Naht |
Eine in der Praxis häufig genutzte Kombination: Die Wurzellage wird mit WIG gelegt, weil dort Dichtheit und Einbrand entscheiden, die Fülllagen anschließend mit MAG, weil dort Volumen und Geschwindigkeit zählen. Das verbindet Nahtqualität mit Wirtschaftlichkeit.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen WIG und MAG?
Beim WIG-Schweißen brennt der Lichtbogen zwischen einer nicht abschmelzenden Wolframelektrode und dem Werkstück; der Zusatzwerkstoff wird separat zugeführt. Beim MAG-Schweißen ist der kontinuierlich geförderte Draht selbst die Elektrode. WIG ist präziser und spritzerfrei, MAG deutlich schneller und bei dickerem Material wirtschaftlicher.
Welches Verfahren eignet sich besser für Edelstahl?
Für Edelstahl ist WIG das bevorzugte Verfahren, besonders bei Wandstärken unter 3 mm, bei Rohrleitungen und bei sichtbaren Nähten. MAG ist bei dickerem Edelstahl wirtschaftlicher, erfordert dann aber ein sauerstoffarmes Mischgas vom Typ M12. Anlauffarben müssen in beiden Fällen entfernt werden.
Warum kann man Aluminium nicht mit MAG schweißen?
Aluminium lässt sich nicht mit MAG schweißen, weil das kohlendioxidhaltige Aktivgas die Schmelze oxidiert. Stattdessen wird WIG mit Wechselstrom oder MIG mit reinem Argon eingesetzt. Der Wechselstrom bricht dabei die Oxidschicht auf, die erst bei etwa 2.050 °C schmilzt — weit über dem Schmelzpunkt des Aluminiums.
Wie viel schneller ist MAG gegenüber WIG?
MAG-Schweißen erreicht Abschmelzleistungen von etwa 2 bis 6 kg pro Stunde, manuelles WIG-Schweißen etwa 0,5 bis 1,5 kg pro Stunde. Für dieselbe Nahtmenge benötigt MAG also rund ein Drittel bis ein Fünftel der Lichtbogenzeit. Bei kleinen Bauteilen relativiert sich der Vorteil, weil Nebenzeiten überwiegen.
Was bedeuten die Bewertungsgruppen B, C und D?
Die Bewertungsgruppen nach DIN EN ISO 5817 legen fest, welche Unregelmäßigkeiten in einer Schweißnaht zulässig sind. B steht für hohe, C für mittlere und D für niedrige Anforderungen. Für den üblichen Maschinen- und Anlagenbau ist C verbreitet, für dynamisch belastete Bauteile B.
Warum entstehen Anlauffarben und muss man sie entfernen?
Anlauffarben sind Oxidschichten, die beim Schweißen von Edelstahl unter Wärme und Luftsauerstoff entstehen. In diesem Bereich ist die Chromoxidschicht gestört, die Korrosionsbeständigkeit sinkt. Bei korrosiver Beanspruchung müssen sie durch Beizen, Passivieren oder mechanisches Bearbeiten entfernt werden.
Praxisbezug Gresförder
Wir schweißen in Horn-Bad Meinberg mit WIG und MAG — vom Einzelteil bis zur großen Schweißbaugruppe, in Stahl, Edelstahl und Aluminium. Weil Laserzuschnitt, Abkanten, Schweißen und Oberflächenbearbeitung an einem Standort liegen, lässt sich die Verfahrenswahl an der Gesamtkette ausrichten statt am einzelnen Arbeitsgang: Wenn eine Naht später geschliffen und glasperlgestrahlt wird, ist eine andere Entscheidung richtig als bei einer verdeckten Tragkonstruktion. Nennen Sie uns die gewünschte Bewertungsgruppe und die Sichtseiten — dann kalkulieren wir die Nacharbeit realistisch statt vorsichtshalber.